Das Wichtigste in Kürze
Flossing ist eine Kompressionstechnik, bei der ein elastisches Band eng um ein Gelenk oder eine Extremität gewickelt wird. Studien zeigen kleine bis moderate Verbesserungen der Beweglichkeit und Schmerzreduktion. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Die Methode gilt bei korrekter Anwendung als sicher. Am 21. März biete ich ein Seminar zu Flossing im Klettersport in der Bergstation Hilden an.
Was ist Flossing überhaupt?
Tissue Flossing, auch bekannt unter den Markennamen Voodoo Floss oder Flossband, wurde 2015 von Kelly Starrett und Glen Cordoza in ihrem Buch „Becoming a Supple Leopard" einem breiten Publikum vorgestellt. Die Methode ist denkbar einfach: Ein dehnbares Latexband wird straff um eine Extremität oder ein Gelenk gewickelt, und der Patient führt dabei aktive Bewegungen durch. Nach ein bis drei Minuten wird das Band entfernt.
Was zunächst wie ein Trend aus der CrossFit-Community wirkte, hat inzwischen seinen Weg in die evidenzbasierte Physiotherapie gefunden. Seit 2015 wurden über 24 kontrollierte Studien veröffentlicht, die die Effekte von Flossing auf Beweglichkeit, Leistung, Schmerz und Regeneration untersuchen.
Wie wirkt Flossing? Die fünf diskutierten Mechanismen
Ein 2024 veröffentlichtes theoretisches Framework von Gao und Kollegen (Apunts Sports Medicine) beschreibt fünf mögliche Wirkmechanismen, die beim Flossing zusammenspielen könnten. Keiner davon ist bislang isoliert bewiesen, aber alle sind physiologisch plausibel.
Quelle: Gao J et al. The potential mechanisms of tissue flossing with Flossband application around the joints or soft tissues: A theoretical framework. Apunts Sports Medicine. 2024;59(224):100453.
Was sagen die Studien? Ein ehrlicher Überblick
Das bislang umfassendste wissenschaftliche Übersichtswerk zu Flossing ist das Scoping Review von Konrad, Močnik und Nakamura, das 2021 in Frontiers in Physiology veröffentlicht wurde. Die Autoren analysierten 24 Studien mit insgesamt 513 Teilnehmern und kamen zu folgenden Ergebnissen.
Beweglichkeit: Klare Tendenz, moderate Effekte
15 von 29 untersuchten Beweglichkeitsmaßen zeigten nach einer einzelnen Flossing-Anwendung eine signifikante Verbesserung. Am deutlichsten waren die Effekte am Sprunggelenk: Dorsiflexion verbesserte sich im Mittel um 11 bis 20 Prozent. Für die Oberschenkelmuskulatur zeigte sich eine Verbesserung im Straight-Leg-Test von durchschnittlich 7,4 Prozent. Der durchschnittliche Effektstärke-Wert lag bei 0,4, was als kleiner bis moderater Effekt gilt.
Wichtig zu wissen: In einigen Studien verbesserte sich die Beweglichkeit auch in der Kontrollgruppe, die nur Bewegungen ohne Band durchführte. Das bedeutet, dass ein Teil des Effekts auf die Bewegung selbst zurückzuführen ist, nicht allein auf das Flossband. Dennoch zeigten mehrere Studien einen klaren Vorteil des Flossbands gegenüber der reinen Bewegungsintervention.
Schmerz: Vielversprechend, aber noch wenig Evidenz
Eine 2021 veröffentlichte Studie untersuchte Flossing bei Patienten mit Tennisellenbogen (Epicondylitis lateralis). Die Flossing-Gruppe zeigte eine Schmerzreduktion von 8/10 auf 4/10 auf der visuellen Analogskala, die Kontrollgruppe von 7/10 auf 5/10. Der Unterschied war klinisch relevant, statistisch jedoch nicht signifikant, was auf die kleine Stichprobengröße zurückzuführen ist. Für Kletterer ist das besonders interessant, da Tennisellenbogen und Golferellenbogen zu den häufigsten Überlastungsverletzungen im Klettersport zählen.
Regeneration: Muskelkater reduzieren
Eine randomisierte, kontrollierte Pilotstudie von Prill und Kollegen (2018) untersuchte Flossing zur Reduktion von verzögertem Muskelkater (DOMS). Die Ergebnisse zeigten, dass Flossing nach intensivem Training den Muskelkater signifikant reduzieren konnte. Gorny und Stöggl (2018) kamen zu ähnlichen Ergebnissen nach Kraft-Ausdauer-Intervallen. Diese Befunde machen Flossing besonders interessant als Regenerationswerkzeug nach intensiven Trainingseinheiten.
Praktische Anwendung: So wird Flossing richtig eingesetzt
Die Standardempfehlung aus der Literatur sieht vor, das Band mit etwa 50 Prozent Überlappung straff um die Extremität zu wickeln. Der Patient führt dann für ein bis drei Minuten aktive Bewegungen durch, idealerweise bis in den vollen Bewegungsumfang. Nach dem Entfernen des Bandes sollte die Bewegung sofort fortgesetzt werden, um den Reperfusionseffekt zu nutzen.
Anwendungsprotokoll (nach Driller & Overmayer 2017)
- Band mit 50% Überlappung straff anlegen, von distal nach proximal wickeln
- Kompressionsdauer: 1 bis 3 Minuten
- Aktive Bewegungen während der Kompression bis in den vollen Bewegungsumfang
- Nach Entfernen des Bandes: sofortige Weiterarbeit, um den Reperfusionseffekt zu nutzen
- Bei Kribbeln, Taubheitsgefühl oder starkem Schmerz: Band sofort entfernen
Wann Flossing nicht angewendet werden sollte
Flossing gilt bei korrekter Anwendung als sichere Methode. Es gibt jedoch klare Kontraindikationen, die unbedingt beachtet werden müssen.
Kontraindikationen
- Bluthochdruck (unkontrolliert)
- Bestehende oder frühere tiefe Beinvenenthrombose (TVT)
- Schwangerschaft
- Krampfadern (ausgeprägte Varikosis)
- Herzerkrankungen
- Hautprobleme, offene Wunden oder Latexallergie
- Niemals am Kopf, Hals oder Brustkorb anwenden
Mein Fazit als Physiotherapeutin
Flossing ist keine Wundermethode, aber ein wertvolles Werkzeug im therapeutischen Repertoire. Die Studienlage zeigt konsistent kleine bis moderate Effekte auf Beweglichkeit und Schmerz. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig geklärt, was die Methode wissenschaftlich spannend macht. Was mich in der Praxis überzeugt, ist die Kombination aus schneller Wirkung, geringem Risiko und der Möglichkeit, sie in aktive Bewegungsübungen zu integrieren.
Besonders im Klettersport hat Flossing für mich einen festen Platz in der Behandlung und Prävention gefunden. Die spezifischen Anforderungen an Finger, Unterarm, Ellenbogen und Schulter machen Kletterer zu idealen Kandidaten für diese Technik. Mehr dazu erfährst du in meinem Seminar.
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Zum Seminar per WhatsApp anmeldenQuellen
- Konrad A, Močnik R, Nakamura M. Effects of Tissue Flossing on the Healthy and Impaired Musculoskeletal System: A Scoping Review. Front Physiol. 2021 May 21;12:666129. doi: 10.3389/fphys.2021.666129
- Gao J, Thung JS, Chee CS, Tee CC, Kamalden TF, Samsudin S, Ali AS. The potential mechanisms of tissue flossing with Flossband application around the joints or soft tissues: A theoretical framework. Apunts Sports Medicine. 2024;59(224):100453.
- Cheatham SW, Baker R. Tissue flossing: A commentary on clinical practice recommendations. International Journal of Sports Physical Therapy. 2024 Apr 1;19(4):477.
- Driller MW, Overmayer RG. The effects of tissue flossing on ankle range of motion and jump performance. Physical Therapy in Sport. 2017 May 1;25:20-4.
- Prill R, Schulz R, Michel S. Tissue flossing: a new short-duration compression therapy for reducing exercise-induced delayed-onset muscle soreness. J Sports Med Phys Fitness. 2018 Oct.
- Gorny V, Stöggl T. Tissue flossing as a recovery tool for the lower extremity after strength endurance intervals. Sportverletzung Sportschaden. 2018 Feb.
- Vrabie D, Abalașei BA, Iacob GS. Comparative study regarding the benefits of using medical flossing in lateral epicondylitis. Sport and Society. 2021. doi: 10.36836/2021/2/41
