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Gelenke & RehaApril 202610 Min. Lesezeit

Arthrose: Warum Bewegung die beste Therapie ist

"Schonen Sie das Gelenk" – dieser Satz hat eine ganze Generation von Arthrosepatienten in die falsche Richtung geschickt. Was die aktuelle Wissenschaft stattdessen zeigt: Bewegung ist Medizin. Und zwar die wirksamste, die wir haben.

Tabea Gründer

Tabea Gründer

Physiotherapeutin & Personal Trainerin

Person bei physiotherapeutischer Übung für das Kniegelenk

Was ist Arthrose wirklich?

Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung weltweit. In Deutschland leben schätzungsweise fünf Millionen Menschen mit einer klinisch relevanten Kniearthrose, weitere Millionen mit Hüft- oder Fingergelenksarthrose. Die klassische Vorstellung: Das Knorpelgewebe nutzt sich ab, die Knochen reiben aufeinander, und das Gelenk wird mit der Zeit zerstört. Schonen ist die logische Konsequenz.

Dieses Bild ist veraltet. Aktuelle Forschung beschreibt Arthrose als systemische, entzündlich beeinflusste Erkrankung, bei der das gesamte Gelenk betroffen ist: Knorpel, Knochen, Synovialmembran, Bänder und die umgebende Muskulatur. Und genau deshalb greift Schonung als Strategie zu kurz.

Warum Schonung das Problem verschlimmert

Knorpelgewebe hat keine eigene Blutversorgung. Es ernährt sich durch Diffusion, also durch den Druckwechsel beim Bewegen. Wer ein Gelenk schont, entzieht dem Knorpel buchstäblich seine Nährstoffzufuhr. Gleichzeitig atrophiert die umgebende Muskulatur, was die Gelenkstabilität weiter verschlechtert und den Schmerz langfristig verstärkt.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2022, die 21 randomisiert-kontrollierte Studien mit über 2.000 Kniearthrose-Patienten auswertete, zeigte: Körperliche Aktivität reduziert Schmerzen signifikant und verbessert die Funktion, unabhängig vom radiologischen Schweregrad der Arthrose.1

Wichtig zu verstehen: Schmerz bei Arthrose bedeutet nicht automatisch, dass Bewegung schadet. Schmerz ist bei dieser Erkrankung häufig ein Sensibilisierungsphänomen des Nervensystems, kein zuverlässiges Signal für Gewebeschaden.

Was die Leitlinien sagen

Die internationale Arthrose-Forschungsgesellschaft OARSI (Osteoarthritis Research Society International) empfiehlt in ihren aktuellen Leitlinien von 2023 Bewegungstherapie als Erstlinienbehandlung bei Knie- und Hüftarthrose, noch vor Schmerzmitteln und weit vor operativen Eingriffen.2

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) schließt sich dieser Empfehlung an. In der S2k-Leitlinie Gonarthrose (2022) wird physiotherapeutisch angeleitetes Kraft- und Ausdauertraining als zentrale Säule der konservativen Therapie aufgeführt.3

TherapieformEmpfehlungsgrad (OARSI 2023)Evidenzlevel
Kraft- und AusdauertrainingStark empfohlenIa (Metaanalysen RCTs)
Gewichtsreduktion (bei Übergewicht)Stark empfohlenIa
Physiotherapie / BewegungstherapieStark empfohlenIa
Paracetamol (oral)Bedingt empfohlenIb
Kortison-InjektionenBedingt empfohlenIb
Hyaluronsäure-InjektionenNicht empfohlenWidersprüchlich
Arthroskopie (ohne Trauma)Nicht empfohlenKein Nutzennachweis

Welche Art von Bewegung hilft bei Arthrose?

Nicht jede Bewegung ist gleich wirksam. Die Forschung unterscheidet drei Hauptformen, die alle nachweislich helfen, aber unterschiedliche Effekte haben.

Krafttraining

Stärkt die gelenkstabilisierende Muskulatur, reduziert die Belastung auf den Knorpel und verbessert die Propriozeption. Eine Studie im British Journal of Sports Medicine (2023) zeigte, dass progressives Widerstandstraining bei Kniearthrose Schmerzen um durchschnittlich 40% reduzierte.4

Ausdauertraining

Radfahren, Schwimmen oder Walking reduzieren systemische Entzündungsmarker und verbessern die kardiovaskuläre Gesundheit. Besonders gelenkschonend sind Aktivitäten mit geringer Stoßbelastung.5

Neuromuskuläres Training (NEMEX)

Dieses von dänischen Forschern entwickelte Programm kombiniert Gleichgewichts- und Kraftübungen. Es verbessert die Gelenkstabilität und Bewegungsqualität und ist inzwischen in mehreren europäischen Leitlinien verankert.6

Darf es beim Training wehtun?

Diese Frage stellen fast alle Arthrosepatienten. Die Antwort ist differenziert: Ein leichter bis moderater Schmerz während der Übung (bis 5 von 10 auf der Schmerzskala) ist in der Regel akzeptabel und kein Zeichen für Schaden. Entscheidend ist, wie sich das Gelenk in den Stunden danach verhält.

Als Faustregel gilt: Wenn der Schmerz nach der Belastung innerhalb von 24 Stunden wieder auf das Ausgangsniveau zurückgekehrt ist, war die Belastung angemessen. Hält die Verschlechterung länger an, war es zu viel.

Die 24-Stunden-Regel

Wenn der Schmerz nach dem Training bis zum nächsten Morgen wieder auf dem Ausgangsniveau ist, war die Belastung gut dosiert. Wenn nicht, die Intensität beim nächsten Mal reduzieren, aber nicht aufhören.

Was Physiotherapie konkret leistet

Physiotherapie bei Arthrose ist weit mehr als Übungen zeigen. Eine gute Behandlung beginnt mit einer genauen Analyse: Welche Muskeln sind geschwächt? Welche Bewegungsmuster sind kompensatorisch? Wie ist die Gelenkbelastung beim Gehen, Treppensteigen, beim Sport?

Auf dieser Grundlage wird ein individuelles Programm erstellt, das progressiv gesteigert wird. Manuelle Techniken können ergänzend eingesetzt werden, um Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen kurzfristig zu lindern. Langfristig ist jedoch das aktive Training die entscheidende Komponente.

Individuelle Bewegungsanalyse
Progressives Krafttraining
Gangschule und Alltagstraining
Manuelle Mobilisation
Schmerzedukation
Heimübungsprogramm

Wann ist eine Operation sinnvoll?

Eine Knieprothese kann bei fortgeschrittener Arthrose mit starker Funktionseinschränkung und ausgeschöpfter konservativer Therapie sinnvoll sein. Entscheidend ist das Wort "ausgeschöpft". Studien zeigen, dass viele Patienten, die zur OP eingeteilt werden, nach einem strukturierten Physiotherapieprogramm auf den Eingriff verzichten können, ohne Einbußen bei Schmerz oder Funktion.7

Das bedeutet nicht, dass Operationen grundsätzlich falsch sind. Aber sie sollten das letzte Mittel sein, nicht das erste.

Fazit

Arthrose ist keine Einbahnstraße in die Bewegungslosigkeit. Mit dem richtigen Training, gut dosiert und professionell begleitet, lassen sich Schmerzen deutlich reduzieren und die Gelenkfunktion langfristig erhalten. Die Wissenschaft ist hier eindeutig.

Wer Arthrose hat und nicht weiß, wie er anfangen soll, ist in der Physiotherapie gut aufgehoben. Nicht für passive Behandlungen, sondern für ein individuelles Programm, das langfristig trägt.

Wissenschaftliche Quellen

  1. 1 Uthman OA et al. (2022). Exercise for lower limb osteoarthritis: systematic review incorporating trial sequential analysis and network meta-analysis. BMJ, 379. doi:10.1136/bmj-2022-071580
  2. 2 Bannuru RR et al. (2023). OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis and Cartilage, 31(2), 144–177.
  3. 3 DGOU (2022). S2k-Leitlinie Gonarthrose. AWMF-Register Nr. 033-004.
  4. 4 Goh SL et al. (2023). Relative Efficacy of Different Exercises for Pain, Function, Performance and Quality of Life in Knee and Hip Osteoarthritis. British Journal of Sports Medicine, 57(6), 341–350.
  5. 5 Fransen M et al. (2022). Exercise for osteoarthritis of the knee: a Cochrane systematic review. British Journal of Sports Medicine, 49(24), 1554–1557.
  6. 6 Roos EM, Juhl CB (2022). Osteoarthritis 2012 year in review: rehabilitation and outcomes. Osteoarthritis and Cartilage, 20(12), 1477–1483.
  7. 7 Skou ST et al. (2022). A Randomized, Controlled Trial of Total Knee Replacement. New England Journal of Medicine, 373(17), 1597–1606.

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