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Klettern & SportMärz 202610 Min. Lesezeit

Ringbandriss beim Klettern: Was wirklich hilft und wie du wieder kletterst

Ein Knacken im Finger, sofortiger Schmerz, Schwellung. Wer klettern geht, kennt dieses Szenario. Ringbandverletzungen sind die häufigste Verletzung im Klettersport und doch werden sie oft falsch behandelt. Als Physiotherapeutin und Kletterin erkläre ich dir, was anatomisch passiert, wie die Heilung wirklich abläuft und welche Maßnahmen die Wissenschaft empfiehlt.

Tabea Gründer
Tabea Gründer
Physiotherapeutin, Sektorale Heilpraktikerin, Klettertrainerin

Das Wichtigste in Kürze

Ringbandverletzungen machen laut Studien bis zu 30% aller Kletterverletzungen aus. Das A2-Ringband ist am häufigsten betroffen. Grad I bis III heilen konservativ, also ohne Operation. Die Heilungsdauer beträgt 4 bis 6 Monate. Wer zu früh wieder einsteigt, riskiert eine Chronifizierung.

Was ist ein Ringband und warum reißt es beim Klettern?

Die Ringbänder (Annuläre Pulleys) sind ringförmige Verstärkungen der Sehnenscheide an den Fingern. Sie halten die Beugesehnen eng am Knochen und ermöglichen so die kraftvolle Beugung des Fingers. Beim Klettern entstehen an den Ringbändern enorme Zugkräfte, besonders beim Crimpen, also dem Greifen mit aufgestellten Fingern in einem Winkel von etwa 90 Grad.

Das A2-Ringband am Grundglied des Mittelfingers ist am häufigsten betroffen, gefolgt vom A4-Ringband am Mittelglied. Beim Crimpen können die Kräfte auf das A2-Ringband das Dreifache des Körpergewichts übersteigen. Ein Riss entsteht meist durch eine plötzliche Überlastung, zum Beispiel beim Abrutschen von einem kleinen Griff oder einem dynamischen Zug.

Die vier Schweregrade nach Schöffl et al.

Die international anerkannte Klassifikation von Schöffl und Kollegen teilt Ringbandverletzungen in vier Schweregrade ein. Diese Einteilung ist entscheidend für die Wahl der richtigen Behandlung.

Grad
Befund
Behandlung
Heilungsdauer
Grad I
Zerrung, kein struktureller Schaden
Schonung, Taping
2–4 Wochen
Grad II
Teilriss eines Ringbandes
Schiene, Physiotherapie
6–8 Wochen
Grad III
Vollständiger Riss eines Ringbandes
Schiene, Physiotherapie
3–4 Monate
Grad IV
Mehrere Ringbänder gerissen oder kombinierte Verletzung
OP erwägen
4–6 Monate+

Quelle: Schöffl V, Hochholzer T, Imhoff AB, Schöffl I. Radiographic adaptations to the stress of high-level rock climbing in junior athletes. Am J Sports Med. 2004.

Wie wird ein Ringbandriss diagnostiziert?

Das typische Zeichen ist ein hörbares oder spürbares Knacken beim Klettern, gefolgt von sofortigem Schmerz an der Innenseite des Fingers, Schwellung und eingeschränkter Beugefähigkeit. In der klinischen Untersuchung zeigt der sogenannte Bowstring-Test, ob die Sehne vom Knochen abgehoben ist.

Der Goldstandard in der Diagnostik ist heute der Ultraschall. Studien zeigen, dass die dynamische Sonografie den Abstand zwischen Sehne und Knochen zuverlässig messen kann und damit den Schweregrad der Verletzung bestimmt. Das MRT liefert zusätzliche Informationen bei unklaren Befunden, ist aber für die Routinediagnostik meist nicht notwendig.

Konservative Behandlung: Was die Wissenschaft empfiehlt

Grad I bis III lassen sich nach aktuellem Forschungsstand konservativ, also ohne Operation, sehr gut behandeln. Das Behandlungsprotokoll der Universitätsklinik Balgrist, eines der führenden Zentren für Kletterverletzungen, sieht folgende Phasen vor:

Woche 1 bis 6
Schutz und frühe Mobilisation

Permanentes Tragen einer Ringbandschutzschiene. Nach dem Abschwellen (ca. 5 bis 10 Tage) beginnen vorsichtige aktive Bewegungsübungen des Mittelgelenks bis 80 Grad Beugung. Streckausfälle in den Gelenken unbedingt vermeiden. Klettern an großen Griffen in senkrechtem Gelände ab Woche 3 bis 4 möglich, jedoch keine aufgestellten Finger und keine dynamischen Züge.

Woche 7 bis 12
Aufbau und Belastungssteigerung

Permanentes Anlegen eines Ringbandschutztapes, das die Beugung im Mittelgelenk auf 80 Grad begrenzt. Vorsichtiges Steigern der Kletterschwierigkeit. Leicht überhängendes Gelände erlaubt. Aufstellen der Finger und dynamische Züge weiterhin vermieden.

Ab Woche 12
Vollbelastung und Rückkehr zum Sport

Schrittweise Rückkehr zu allen Grifftechniken. Weiterhin prophylaktisches Taping empfohlen. Kraftaufbau durch spezifische Fingerübungen. Vollständige Belastbarkeit nach 4 bis 6 Monaten.

H-Taping: Mehr als nur Schutz

Eine Studie von Algar (2018) untersuchte die Wirksamkeit des H-Tapings mittels Ultraschall und zeigte, dass diese Taping-Methode den Abstand zwischen Sehne und Knochen signifikant reduziert. Das bedeutet: Das Tape übernimmt tatsächlich eine biomechanische Schutzfunktion und ist nicht nur ein psychologisches Hilfsmittel. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2022 (BMC Sports Science Medicine and Rehabilitation) bestätigte, dass Taping die Scherkräfte auf das verletzte Ringband messbar verringert.

Die häufigsten Fehler bei der Behandlung

Zu frühe Rückkehr zum Klettern: Das Ringband fühlt sich nach 4 bis 6 Wochen oft schmerzfrei an, ist aber noch nicht belastbar. Wer jetzt zu viel macht, riskiert eine Chronifizierung.

Falsches Taping: Ein zu festes oder falsch angelegtes Tape kann die Durchblutung einschränken und die Heilung verzögern.

Kein Kraftaufbau: Ohne gezieltes Fingertraining nach der Heilung bleibt das Ringband schwächer als vorher und das Verletzungsrisiko steigt.

Fehlende Diagnostik: Ohne Ultraschall oder MRT bleibt der Schweregrad unklar. Eine falsch eingestufte Verletzung wird falsch behandelt.

Prävention: Wie du Ringbandverletzungen vermeidest

Studien zeigen, dass Kletterer, die regelmäßig aufwärmen und auf Überlastungszeichen achten, seltener Ringbandverletzungen erleiden. Konkret empfehlen Sportmediziner folgende Maßnahmen: Mindestens 10 bis 15 Minuten Aufwärmen mit leichten Griffen und Dehnübungen der Finger. Keine maximalen Belastungen in den ersten 20 Minuten einer Einheit. Prophylaktisches H-Taping bei bekannter Schwäche oder nach einer Verletzung. Regelmäßiges exzentrisches Fingertraining zur Stärkung der Ringbänder.

Wann du unbedingt zur Physiotherapie solltest

Bei jedem Verdacht auf eine Ringbandverletzung ist eine professionelle Diagnostik sinnvoll. Ohne Ultraschall lässt sich der Schweregrad nicht zuverlässig einschätzen. In meiner Privatpraxis in Düsseldorf biete ich eine genaue Befunderhebung, ein individuelles Reha-Protokoll und begleite dich bis zur vollständigen Rückkehr zum Klettern.

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Heilung eines Ringbandrisses?

Das hängt vom Schweregrad ab. Grad I heilt in 2 bis 4 Wochen, Grad III braucht 3 bis 4 Monate. Die vollständige Belastbarkeit ist nach 4 bis 6 Monaten zu erwarten. Wer zu früh wieder einsteigt, verlängert die Heilungszeit erheblich.

Muss ein Ringbandriss operiert werden?

Nein, in den meisten Fällen nicht. Grad I bis III heilen konservativ sehr gut. Eine Operation ist nur bei Grad IV oder bei ausbleibender Heilung nach konservativer Therapie sinnvoll.

Kann ich während der Reha weiter klettern?

Ja, aber angepasst. Ab Woche 3 bis 4 ist einfaches Klettern an großen Griffen in senkrechtem Gelände erlaubt. Aufgestellte Finger und dynamische Züge sind bis Woche 12 zu vermeiden.

Wie erkenne ich einen Ringbandriss?

Das typische Zeichen ist ein Knacken oder Reißen beim Klettern, gefolgt von sofortigem Schmerz an der Innenseite des Fingers, Schwellung und eingeschränkter Beugefähigkeit. Zur sicheren Diagnose ist eine ärztliche Untersuchung notwendig, in der Regel mit Ultraschall oder MRT beim Sportmediziner oder Handchirurgen.

Wissenschaftliche Quellen

  • [1] Artiaco S et al. (2022). Flexor Tendon Pulley Injuries: A Systematic Review. PMC10495204.
  • [2] Bosco F et al. (2022). Closed flexor pulley injuries: A literature review. PMC9483560.
  • [3] Algar L (2018). Pulley injuries in rock climbers: Hand therapy clinical commentary. J Hand Ther.
  • [4] Schöffl V et al. (2004). Therapy of injuries of the pulley system in sport climbers. Thieme.
  • [5] Bouyer M et al. (2016). Ergebnisse der Ringband-Rekonstruktion bei Profikletterern. Thieme.
  • [6] Balgrist Universitätsklinik Zürich (2024). Behandlungsschema der Ringbandverletzung beim Klettern.
  • [7] BMC Sports Science Medicine and Rehabilitation (2022). To tape or not to tape: annular ligament injuries in rock climbers.

Ringbandriss? Ich helfe dir.

In meiner Privatpraxis in Düsseldorf-Lierenfeld, direkt in der Einstein Boulderhalle, begleite ich dich von der Diagnose bis zur Rückkehr auf die Wand.

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